Die Mauern müssen weg!


Der Diabetes mellitus als chronische Stoffwechselerkrankung nimmt immer
bedrohlichere Ausmaße an. Dies bezieht sich auf alle Facetten der Erkrankung,
Anzahl an Neuerkrankungen, Folgekomplikationen, Todesfälle, Invalidität und
vieles mehr.

In Deutschland sterben jedes Jahr sechsmal so viele Menschen an Typ 2
Diabetes und seinen Folgen als bisher angenommen. 1 Die bisherigen Daten
beruhen auf Erhebungen des RKI aus dem Jahr 2015
(Gesundheitsberichterstattung des Bundes) und unterschätzen die Dramatik
der Erkrankung erheblich.

Diese neue Erkenntnis aus den Daten von knapp 65 Millionen Versicherten der
gesetzlichen Krankenkassen stand am Beginn der Veranstaltung „Diabetes
2030“ im Februar in der königlich dänischen Botschaft, zu der der dänische
Botschafter und die Firma Novo Nordisk bereits zum zweiten Mal eingeladen
hatten.

Trotz der immensen sowohl individuellen als auch gesamtgesellschaftlichen
und sozialwirtschaftlichen Konsequenzen dieser Erkrankung neigen wir dazu,
den Diabetes mellitus zu trivialisieren. Wir befinden uns geradezu in einem
gesamtgesellschaftlichen Neglect. Während andere Erkrankungen in uns sofort
eine gewisse Emotionalität wie zum Beispiel Angst oder Betroffenheit
erwecken, hier sei exemplarisch HIV oder Malaria genannt, erkennen wir nicht
im ausreichendem Maße die Bedrohlichkeit der nicht übertragbaren
Erkrankungen, die als Hauptverursacher für Morbidität und Mortalität
verantwortlich sind, an. Hier nimmt neben den Herzkreislauferkrankungen und
den Krebserkrankungen der Diabetes mellitus eine zentrale Rolle ein.

Circa 137.950 diabetesassoziierte Todesfälle in Deutschland pro Jahr, sechsmal
so viele wie bisher angenommen, 1 und insgesamt rund 5 Millionen weltweite
diabetesassoziierte Todesfälle jährlich 2 interessieren die Öffentlichkeit herzlich
wenig im Vergleich zu einigen wenigen Malariatodesfällen in Deutschland nach
Reiserückkehr aus Endemiegebieten. Wie kann es sein, dass an Diabetes
mellitus weltweit mehr Menschen versterben als an HIV, Tuberkulose und
Malaria zusammen 3 und wir als Gesellschaft es nicht begreifen und akzeptieren
wollen, dass wir bei einem so weiter im Diabetessektor vor einer
Diabeteslawine stehen, die wir in absehbarer Zeit nicht mehr kontrollieren
können.

Ein 50-ig jähriger Mann, der heute an Diabetes mellitus erkrankt, verliert ca. 5,8
Jahre seiner durchschnittlichen Lebenserwartung im Vergleich zu einem
Nichtdiabetiker. 4

Es ist unerträglich und nicht länger hinnehmbar, dass bis zur Diagnose eines
Diabetes mellitus Typ 2 oft Jahre vergehen und die Betroffenen erstmals von
ihrer Erkrankung erfahren, wenn Sie sich in Notarztbegleitung aufgrund eines
Herzinfarktes auf dem Weg in eine Klinik befinden!

Seit Jahren kämpfen verschiedene Akteure wie DDG, BVND oder auch
Patientenorganisationen für die Etablierung eines Nationalen Diabetesplans.

18 von 28 europäischen Ländern haben solch einen Plan zur Bekämpfung einer
der größten Volkskrankheiten. Deutschland hat ihn immer noch nicht.
Angesichts der stetig steigenden Zahlen von Diabetesfällen ist dies ein
Armutszeugnis.

Wir werden vor einem Kollaps der Sozialsysteme stehen und erstarren, wenn
sich nicht grundlegende Aspekte der Diabetesversorgung in Deutschland
ändern.

 
Woran liegt das?

Aus meiner Sicht nicht an einer fehlenden Bereitschaft aller Akteure im
Diabetessektor in einen konstruktiven Dialog zu kommen.

Sowohl überregionale und regionale Fachgesellschaften (DDG, TGDS, …),
Berufsverbände (BVND, VNDT, VDBD, …), Patientenorganisationen (DDF, DDH-
M, DDB, …), Wissenschaft, Politik und Kostenträger suchen in exzellenten
Veranstaltungen regelmäßig nach Lösungsvorschlägen, die im Konsens aller
tragbar sind.

Es liegt auch nicht an fehlender Evidenz der notwendigen Schritte. Ein
Nationaler Diabetesplan ist längst ausgearbeitet und kann zügig auch in
Deutschland etabliert werden. Zahlreiche EU-Staaten leben uns den Erfolg

nationaler Strategien in puncto nicht übertragbarer Erkrankungen vor. Wir
wissen längst um den Erfolg von Früherkennung, Prävention und Etablierung
von verhältnispräventiven Maßnahmen im Sinne von strukturellen Lösungen.
Die Tabakkampagne des BMG, in der redundante Aufklärungskampagnen auf
Zigarettenschachteln mit Strukturänderungen (Erhöhung der Tabaksteuer)
einhergehen, ist ein erfolgreiches Beispiel für das Zusammenspiel aus
Information/Aufklärung und Verhältnisprävention.

Auch herrscht intersektoral unisono Konsens darüber, dass die
Patientenvertreter mehr in die Entscheidungsprozesse integriert werden
müssen. Der Betroffene steht im Mittelpunkt und benötigt via
Patientenorganisation(en) ein Stimmrecht in den einzelnen Gremien wie zum
Beispiel dem G-BA.

Ebenso ist allen bekannt, dass die methodische Fehlausrichtung der
Nutzenbewertung des G-BA von Antidiabetika korrigiert werden muss.
Gerademal 12% aller Medikamente erhalten einen Zusatznutzen. Im
onkologischen Sektor liegen wir bei 51%. 5

Die eigentlichen Probleme der Umsetzung längst überfälliger Maßnahmen sind
viel komplizierter und vielschichtiger als die Betrachtung der Fakten und der
evaluierten Programme, die zur Verbesserung der Diabetesversorgung in
Deutschland beitragen könnten.

Einige Lösungsvorschläge sowie Kritik am System seien exemplarisch folgend
genannt.

Zu aller erst fehlt es an der nötigen politischen Umsetzungskraft, d. h.
Mehrheiten im Bundestag. Nur hier können die strukturellen Weichen gesetzt
werden. Solange sich entscheidende Bundespolitiker allerdings mit Themen wie
Pkw-Maut und vermeintlich wichtigerer Interessenwahrung in ihren
Wahlbezirken beschäftigen, fehlt mir hier der Glaube an eine Umsetzung.

Wesentliche Aspekte des Nationalen Diabetesplans müssen aber im
Koalitionsvertrag der nächsten Bundesregierung ratifiziert werden. Die
schrittweise Etablierung des Nationalen Diabetesplans muss umgehend nach
Beginn der Regierungstätigkeit der neuen Koalition beginnen:

 

  1. Wiedereinführung eines Nationalen Diabetesregisters unter Leitung des RKI
  2. Verbindliche Standards in der vorschulischen und schulischen Bildung und Erziehung
    a. Mindestens 1 Stunde pro Tag Bewegung/Sport an Kitas und Schulen
    b. Verbindliche Standards der Verpflegung (kostenlos Wasser, Verbot von Fastfood in Kitas und Schulen, …)
    c. Verbot von an Kinder gerichtete Werbung und Marketing für adipogene Lebensmittel
  3. Einrichtung einer Fett- und Zuckersteuer bei gleichzeitiger steuerlicher Vergünstigung (7% Mehrwertsteuer) für gesunde Ernährung wie Obst, Gemüse, kalorienfreie Getränke
  4. Einheitliche Ampelkennzeichnung auf jeder Verpackung
  5. Ausweisung von Broteinheiten (BE) auf jeder Verpackung
  6. Nährwertkennzeichnung in Restaurants neben der Preisauszeichnung  


Alle weiteren Schritte des Nationalen Diabetesplans müssen während der
neuen Legislaturperiode folgen.

Auch die Landespolitik setzt teilweise falsche Schwerpunkte.

Am 16. März 2017 unterzeichneten die Ministerpräsidenten der Länder den
Entwurf zum Zweiten Glücksspieländerungsstaatsvertrag in Berlin. Hierbei
wurde den bisherigen 20 Lizenzinhabern sowie 15 weiteren Sportwetten-
Anbietern, die sich um eine Glücksspiellizenz beworben hatten, die die
Mindestanforderungen erfüllen sowie eine Sicherheitsleistung in Höhe von 2,5
Mio. Euro hinterlegen, eine vorläufige Erlaubnis erteilt. 6

Bei viel wichtigeren Themen scheitern die Bemühungen oft schon im Ansatz.
Zwar sind Landesregierungen bemüht, die Vorgaben des Präventionsgesetzes
vom 10. Juli 2015 umzusetzen, die Entscheidungsträger scheuen sich jedoch
darüber hinaus, wirklich reformativ und innovativ weitere gesundheits-
politische Themen rasch umzusetzen. Allein die Thüringer Landesregierung
hatte auf eine weiter gefasste Auslegung des Präventionsgesetzes mit mehr

Kompetenzen in der Umsetzung vor der Ratifizierung plädiert, ist aber mit dem
Vorschlag letztlich gescheitert. So können und wollen die gesetzlichen
Krankenkassen nach aktueller Gesetzeslage nur im Rahmen des
Präventionsleitfadens finanzielle Mittel bereitstellen. Auch ist der Einfluss der
Politik auf die Umsetzung der Präventionskampagnen entsprechend dem
Gesetz sehr begrenzt.

Darüber hinaus versanden wichtige Beschlüsse oftmals in kleinen
Arbeitsgruppen, Gremien - die teilweise mit zu vielen u./o. den falschen
Interessensgruppen besetzt werden und zum Beispiel Fachgesellschaften und
Selbsthilfeorganisationen ausschließen - und Konferenzen bis von Ihnen nichts
mehr übrigbleibt. In gewisser Weise sind daher landespolitische Tagungen auch
ein Spiegelbild der Bundespolitik.

Oder Beschlüsse drohen an den Gräben und Mauern zwischen den einzelnen
Organisationen zu scheitern. Obwohl im kinderdiabetologischen Sektor
offenkundig Konsens herrscht (siehe auch Maßnahmen des Nationalen
Diabetesplans) drohen Austausch, Beschlussfassung und Gesetzgebung an
Mauern zwischen Sozial- und Kultusministerien zu scheitern.

Die unterschiedlichen Kompetenzebenen zwischen Bundes- und Landespolitik
zum Beispiel im Kultusbereich (Erziehung, Schulbildung, …) machen ein
einheitliches Vorgehen im Sinne eines Nationalen Diabetesplans unnötig
schwer. Dies ist neben der Gesundheitspolitik im Allgemeinen ein Ausdruck
föderalistischer Schwäche in Themengebieten, die unser nationales Interesse
darstellen. Hier muss eine Neuausrichtung und Gewichtung zwischen Bund und
Ländern unter Beteiligung aller Akteure erfolgen. Effizientere Wege im Sinne
einer eher zentralistischen Ausrichtung wären wünschenswert, um Themen mit
hohem nationalem Stellenwert wie Gesundheitsförderung, die Einführung von
Nationalen Strategien für nicht übertragbare Erkrankungen, die Etablierung
einer allgemeinen Impfpflicht für bestimmte Krankheitserreger oder Standards
in der schulischen Erziehung zu etablieren.

Föderalismus und Pluralität sind enorm positive Errungenschaften der
Nachkriegsepoche und ein wichtiger Eckpfeiler unserer Gesellschaft. Aber ein
kritisches Reflektieren und Nachjustieren muss Teil einer handlungsfähigen
Demokratie sein.

Lebensbereiche, die gesamtgesellschaftlich von herausragender Bedeutung
sind, wie zum Beispiel Gesundheit oder Bildung, sollten aus meiner Sicht im
Konsens aller Akteure (Bundes- und Landespolitik, BMG, BÄK, KBV, …)
länderübergreifend standardisiert bzw. neu ausgerichtet werden, damit für
den Einzelnen gleiche Bedingungen und möglichst keine Nachteile entstehen.

Ein weiterer entscheidender Punkt stellt die Selbsthilfe als Säule unserer
Gesellschaft dar. Ein Großteil der Aufgaben und Herausforderungen werden
hierzulande durch ehrenamtlich tätige Menschen bewältigt, die sich für andere
engagieren. Dieser Einsatz kann nicht hoch genug geschätzt werden.

Im Diabetessektor hat sich leider historisch eine Diversität eingestellt, die zu
Recht die Patientenorganisation(en) in der Öffentlichkeit als schwach bzw.
nicht durchsetzungsfähig erkennen lässt. Leider wird dies oft auch für
kleinkarierte politische Interesse missbraucht.

Am 01.04.2017 hat unter der Initiierung der DDF (Deutsche Diabetes
Föderation e.V.) ein Runder Tisch in Frankfurt (Main) stattgefunden, an dem
alle Akteure (DDF, DDH-M, DDB) beteiligt waren. Dieses Treffen kann als neue
Epoche betrachtet werden, in dem Dialog, Austausch und das Ziel gemeinsame
Projekte zu etablieren, im Mittelpunkt stand. Dies ist ein erster Schritt auf dem
Weg, die Diabetesselbsthilfe wieder zu vereinen und als Partner von Politik und
Kostenträger neu aufzustellen.

Liebe Leserinnen und Leser,

Das Bundestagswahljahr 2017 ist unsere Chance, dem Diabetes mellitus mehr
politische Geltung in diesem Lande zu verschaffen. Wir als Betroffene haben
ein unglaubliches Potenzial unsere (gesundheitspolitischen) Interessen
wahrzunehmen und durchzusetzen. Wir müssen allerdings geeint und
gemeinsam dafür metaphorisch gesprochen auf die Straßen gehen und uns im
Einklang mit den Fachgesellschaften und Berufsverbänden Gehör verschaffen.
Als einzelnes Individuum oder zersplitterte Gruppen laufen wir allerdings seit
Jahren den Geschehnissen hinterher und protestieren immer erst, wenn das
Kind in den Brunnen gefallen ist (siehe auch Protestbrief eines Betroffenen an
die gesetzliche Krankenkasse).

Wenn wir es schaffen unsere eigenen Gräben und Mauern zu überwinden,
dann können wir als Vorbild dienen, um alle Mauern einzureißen.

Es ist Zeit, die Dinge zu ändern!

Herzlichst Ihr
Dr. med. Sven Becker

 

Quellenangaben

1 = Dr. Rathmann, Deutsches Diabetes Zentrum Düsseldorf

2 = IDF Atlas 2015

3= IDF Atlas 2015, modifiziert nach Diabetes 2030 Nr. 3 vom 29. März 2017 (27657)

4= Emerging Risk Factors Collaboration, NEJM 2011; 373: 1720–1732

5= mod. nach: IGES AMNOG Result Analyzer (ARA), Stand 1. Februar 2017

6= Wikipedia

 
Abkürzungsverzeichnis

BÄK = Bundesärztekammer

BMG = Bundesministerium für Gesundheit

BVND = Bundesverband Niedergelassener Diabetologen

DDB = Deutscher Diabetiker Bund e. V.

DDF = Deutsche Diabetes Föderation e.V.

DDG = Deutsche Diabetes Gesellschaft e. V.

DDH-M = Deutsche Diabetes Hilfe – Menschen mit Diabetes e.V.

G-BA = Gemeinsamer Bundesausschuss

HIV = Humanes Immundefizienz-Virus

IDF = International Diabetes Federation

KBV = Kassenärztliche Bundesvereinigung

RKI = Robert Koch Institut

VDBD = Verband der Diabetesberatungs- und Schulungsberufe in
Deutschland e.V.

VNDT = Verband der niedergelassenen Diabetologen Thüringen e. V.

Erläuterungen

Endemie = örtlich begrenztes Auftreten von Infektionskrankheiten

Neglect = lat. nicht wissen, vernachlässigen

metaphorisch = altgriechisch bildlich

Morbidität = lat. krank

Mortalität = lat. Sterblichkeit

redundante = wiederkehrend

unisono = ital. Einklang

Anhang

„Protestbrief eines Patienten an seine Krankenkasse“

 



12.06.2017